Verbundenleben

 

Wie läuft ein Treffen ab?


Wir haben viel experimentiert und sind auch künftig offen für brauchbare Neuerungen. Der folgende Ablauf hat sich bisher als der beste erwiesen. Er kann jederzeit verändert oder erweitert werden, wenn die Teilnehmer einer Gruppe es in einer demokratischen Abstimmung wünschen.

1. Zu Beginn eines Verbundenleben-Treffens übernimmt eine Person als Organisator*in es, auf die Zeit und die Vereinbarungen zu achten. Jede/r übernimmt nach der alphabetischen Reihenfolge aus Gründen der Gleichberechtigung einmal diese Aufgabe. Die Gruppe hilft mit bei der Organisation.

2. Am Anfang kann - aber muss nicht - jeder Teilnehmer ein Anliegen benennen. Das kann ein persönliches Problem sein, ein gesellschaftliches Thema, ein praktischer Vorschlag für eine gemeinsame Aktivität, ein Text, der ihn oder sie berührt, oder oder oder. Es wird nur kurz benannt und nicht gleich ausführlich beschrieben.

3. Der Organisator macht Vorschläge zur Reihenfolge, in der die Themen, die die Teilnehmer genannt haben, bearbeitet werden sollten. Dabei geht er einfach nach seinem Empfinden. Die Dringlichkeit der Themen für die einzelnen Teilnehmer wird dabei automatisch berücksichtigt. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Er achtet darauf, dass nicht schon während der Themenbenennung in eine Diskussion eingestiegen wird.

4. Alternative Vorschläge zum Vorschlag des Organisators können von den Teilnehmern gemacht werden. Darüber wird demokratisch abgestimmt, falls unterschiedliche Vorschläge bestehen bleiben. Erstaunlicherweise war dies nie erforderlich, weil die Gruppe ein gemeinsames Gespür für die Reihenfolge der Dringlichkeit hat. Der Organisator sorgt dafür, dass zügig Entscheidungen getroffen werden und die Zeit nicht mit Verfahrensdiskussionen verplempert wird.

5. Wer das als erstes ausgewählte Thema vorgeschlagen hat, beschreibt dann sein Anliegen ausführlich. Darüber wird nicht diskutiert.

6. Danach kann sich jeder zu dem Thema äußern. Das geschieht aber nicht in der üblichen Weise, dass die Äußerungen anderer kommentiert oder gar beurteilt werden. Sondern wer dazu etwas beitragen will, spricht darüber, was die Aussagen des Themengebers bei ihm/ihr ausgelöst haben. So sind wir alle in der ganzen Aufmerksamkeit bei demselben Thema. Entweder hören wir dem anderen zu oder wir sprechen über das, was uns dabei berührt.

7. Meistens wandert ein Stein (oder Redestab) im Kreis herum. Nur wer den Stein hat, darf sprechen. Er kann ihn auch einfach ruhig für einen Moment behalten und ohne Kommentar weitergeben. Der Stein hilft, sich auf das Thema ernsthaft einzulassen. Diese Entschleunigung des Gesprächs hat sich sehr bewährt. Man hört dem, der gerade spricht, viel aufmerksamer zu. Wenn man den Stein nicht hat, kann man ja nicht sofort darauf eingehen. So beschäftigt man sich nicht gleich gedanklich mit der eigenen Antwort, sondern bleibt beim intensiven Zuhören.

Wenn man dann selbst den Stein hat, dann spürt man in sich hinein, was die Äußerungen  der anderen in einem selbst in Gang gesetzt haben. Man reproduziert nicht einfach die vorgefertigten Meinungen, die man bisher zu diesem Thema hatte. Das geschieht nämlich üblicherweise, wenn man sofort reagiert. Im ruhigen Antworten entdeckt man stattdessen das eigene Innere viel tiefgründiger, inspiriert von dem, was bisher schon gesagt wurde. Darüber kann man dann sprechen oder auch schweigen.

8. Das ausgewählte Thema wird solange auf diese Weise von allen Seiten erforscht, soweit sie im Kreis angesprochen werden, bis sich das Bedürfnis, darüber zu sprechen, bei dem Themengeber und auch bei den anderen aufgelöst hat. Die Mehrheit kann auch entscheiden, das Thema vorher zu beenden.

9. Danach sieht der/die Themengeber*in sein Problem anders. Es hat sich zumindest sehr verändert und beruhigt. Die anderen Teilnehmer haben meist entdeckt, dass auch sie von dem Thema berührt sind und für sich ein besseres Verständnis darüber entdeckt haben. Es ist Teil der grundlegenden Erfahrung, dass wir alle im tiefen Kern dieselben Probleme haben: Die Ängste vor anderen Menschen und vor der Zukunft, die sich in unendlich vielen Variationen aktiv werden.

10. Dasselbe Verfahren findet mit den anderen Vorschlägen der Teilnehmer in der Reihenfolge statt, die am Anfang besprochen wurde oder die man gemeinsam neu festlegt.

            

11. Die Reihenfolge des Gesprächs ist durch den Kreis vorgegeben, genauso wie der Stein, der zur Entschleunigung genutzt wird. Es sind Hilfsmittel, damit wir lernen, gut zuzuhören, und zwar sowohl den anderen Teilnehmern als auch dem eigenen Inneren. Manchmal scheint es sinnvoll zu sein, das Sprechen der Reihe nach aufzulösen und eine freie Gesprächsreihenfolge zu vereinbaren oder auch auf den Stein zu verzichten. Entscheidend ist, dass die Ernsthaftigkeit und Intensität erhalten bleibt.